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bonalifestyle-Ausgabe 4 | 2014

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GESUNDHEIT INTERVIEW

GESUNDHEIT INTERVIEW nagement erfordern. Viele Menschen haben eine unglaubliche Fähigkeit zur Anpassung. Mir wird esimmer wieder bewusst, wenn zum Beispiel onkologische Patienten sagen: «Ich weiss, dass ich an Krebs leide, trotzdem geht es mir psychisch gut.» Ist ein Krebskranker, der dies sagt, gesund oder krank? Er hat eine psychische Anpassung geleistet, aber kann er körperlich eine Anpassung an den vielleicht fortschreitenden körperlichen Zerfall leisten? Müsste man dann unterscheiden zwischen psychisch gesund und körperlich krank? Man könnte dann jemanden als sozial gesund, psychisch gesund und körperlich krank beschreiben, und es gäbe mehrere Varianten, um die Gesundheit, beziehungsweise die Krankheit eines Menschen zu beschreiben. Wichtig zu erwähnen scheint mir in diesem Zusammenhang, dass man sich in der Medizin schwer damit tut, sorgfältig die sozialen Daten eines Patienten zu erfragen, um so ein vollständigeres Bild eines Patienten zu erhalten. Und wann kann sich ein Mensch der Situation nicht anpassen? Der Anpassungsprozess kann in speziellen Situationen, zum Beispiel in Notlagen, traumatischen Erschütterungen oder psychischen Beeinträchtigungen, ins Stocken geraten, und Patienten befinden sich dann sozusagen in einem Überlebensmodus, in welchem wenig Platz ist für erfolgreiche Anpassung. So können Patienten, wenn sie zum Beispiel an Krebs erkranken und sich körperlich krank fühlen, auch seelisch einbrechen. Dadurch kann es zu Belastungen auf der sozialen Ebene kommen, zum Beispiel durch Verlust der Arbeitsstelle oder Rückzug von den Freunden. Des Menschen Körper, Seele und auch soziale Gegebenheiten sind eine Einheit, was sich im Begriff der bio-psychosozialen Medizin zeigt, einer Medizin, die sich bemüht, die Gesamtheit eines Menschen zu erfassen. Existieren heute auch andere Interpretationen des Begriffs Gesundheit? Gesundheit hat mit individuellem Empfinden zu tun. Ja, esgibt noch weitere Definitionen. Reinhard Ley zum Beispiel hat 2012 Gesundheit so definiert: «Gesundheit bedeutet eine zufriedenstellende Entfaltung von Selbstständigkeit und Wohlbefinden in den Aktivitäten des Lebens.» Die Beurteilung, ob jemand gesund ist, scheint bei dieser Definition nur eine subjektive Entscheidung zu sein, das würde bedeuten, dass ich zum Beispiel einen erhöhten Blutdruck haben könnte, der anfänglich oft keine Symptome macht, und ich würde dabei als gesund gelten. Jede Definition von Gesundheit hat ihre Stärken und Schwächen, Gesundheit ist als Begriff zu komplex, als dass sie in eine Definition gefasst werden könnte. Dann ist Gesundheit ein individuelles Empfinden? Gesundheit hat mit individuellem Empfinden zu tun. In der Regel sucht jemand erst einen Arzt auf, wenn er Beschwerden hat, die ihn beunruhigen, wenn er sich krank fühlt. Ich habe zum Beispiel heftige Schluckbeschwerden und Fieber, der Arzt stellt eine Angina fest. Seltener kommt jemand zum Arzt wegen einer Routinekontrolle bei voller Gesundheit. Aber es kommt vor, zum Beispiel wenn eine Frau in eine Vorsorgeuntersuchung geht und bei dieser Untersuchung der Verdacht auf Brustkrebs geäussert wird. Dann wird eine Frau, die sich vorder Untersuchung gesund gefühlt hat, sich nach der Untersuchung krank fühlen. Noch schwieriger ist es bei den Patienten, bei welchen die Diagnose einer psychogenen Schmerzstörung gestellt wird. Bei solchen Patienten wirdder Arzt keinen pathologischen körperlichen Befund finden, der den Schmerz dieser Patienten erklären könnte. Trotzdem, diese Patienten fühlen sich krank, sie sind krank, sie erleben heftige Schmerzen, die zum Beispiel Ausdruck einer Konversion, vereinfacht gesagt, Ausdruck eines ungelösten psychischen verdrängten Konfliktes sein können. Man kann sich also krank fühlen, ohne dass ein pathologischer körperlicher Befund erhoben werden kann. Angenommen ein Patient ist krank, wann ist er wieder gesund? Ich glaube, es gibt keine klare Grenze. Ich erlebe schwer depressive Patienten, denen es Schritt für Schritt besser geht, sie können die Arbeit wieder aufnehmen, sie haben wieder Kontakt zu Freunden. Ab wann sind sie gesund? Ich glaube, es ist eine Grauzone, kein Umschlagspunkt. Auch bei einer Infektionskrankheit: Ab wann gelte ich gesund? Wenn ich kein Fieber mehr habe, wenn keine Erreger mehr da sind, wenn die Antibiotikagestoppt werden können, oder wenn ich die Arbeit wieder aufnehme? Gehen die Meinungen des Arbeitgebers, des Arztes, des Patienten auseinander, wer sagt in letzter Instanz, wann ein Patient gesund ist? Wann jemand gesund ist, interessiert vor allem den Patienten, seine Angehörigen und den behandelnden Arzt. Bei dieser Frage geht es oft auch um die Beurteilung der Gesundheit aus der Sicht der Gesellschaft auf den Patienten, und die Gesellschaft interessiert sich mehr für die Arbeitsfähigkeit. Die Arbeitsfähigkeit ist ein schwieriger Punkt in der Medizin. Davonzeugen die Gutachten und Gerichtsurteile im Zusammenhang mit Anspruch auf Renten oder Wiedereingliederung. Der Arzt teilt dem Arbeitgeber nur den Grad der Arbeitsunfähigkeit mit, macht aber keine Aussagen über den Gesundheitszustand des Patienten. Die Meinungen klaffen oft auseinander. Esgibt sehr viele Aspekte, die die Arbeitsfähigkeit eines Menschen beeinflussen. Es ist leicht zu verstehen, dass, wenn das Klima am Arbeitsplatz schlecht ist, ein Patient eher versuchen wird, seinen Einstieg in die Arbeitswelt zu verschieben, hingegen wenn die Arbeit für den Patienten eine Bereicherung ist, wird ermöglicherweise trotz Krankheit versuchen im Arbeitsprozess zu bleiben. Ein Arbeitgeber, der vielleicht nur zwei Arbeitnehmer hat, wird eher Druck machen als ein Unternehmen mit vielen Arbeitnehmern. In letzter Instanz wird die Arbeitsfähigkeit oft durch Vertrauensärzte einer Versicherung oder durch ärztliche Gutachter festgelegt. Wie definieren kranke Menschen Gesundheit? Sie definieren sie unterschiedlich. Meist beklagen sie das, was sie vermissen, im Gegensatz zu früher, als sie sich gesund fühlten. Ihr Hauptwunsch ist es meist, einfach wieder einen normalen Alltag zu haben. Gesundheit ist schon ein Gut, das, wenn man es besitzt, einem oft gar nicht bewusst ist, das aber, wenn es fehlt, schmerzlich vermisst wird. Wollen alle kranken Menschen gesund werden? Die meisten Menschen, denen ich begegnet bin, wollten wieder gesund werden. Es gibt Fälle, in denen die Krankheit für den Betroffenen einen Gewinn darstellt, sodass er darin verharren möchte. Ich kann mich an einen Patienten erinnern, einen gläu- Zur Person Dr. med Therese Hofer ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Dr. med Therese Hofer ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie studierte Medizin an der Universität Bern, und arbeitete als Fachärztin für Innere Medizin an der Universitätsklinik Bern inder Psychosomatik (Loryspital, Prof. R. Adler). Später baute sie an der Universitätsklinik Bern die Psychoonkologie auf. Als Psychoonkologische Psychotherapeutin SGPO engagiert sie sich in der Weiterbildung für Psychoonkologen. Therese Hofer betreut onkologische Patienten in der eigenen Praxis sowie als Belegärztin im Lindenhofspital Bern. Neben der Psychoonkologie ist ihr Schwerpunkt die psychiatrische und psychotherapeutische Betreuung depressiver Patienten. Bild HO 10 11 LIFESTYLE bona