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bonalifestyle-Ausgabe 2 | 2018

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LIFESTYLE FILMFESTIVAL

LIFESTYLE FILMFESTIVAL bonaLifestyle Aida Schläpfer Al Hassani, was bewegt Sie, Filme zu drehen? Aida Schläpfer Eigentlich wollte ich als Kind Schauspielerin werden. Nun mache ich Filme und bin mir bewusst, dass es eine fantastische Möglichkeit ist, viele Menschen zu erreichen. Das heisst, die Richtung Ihrer Berufswahl war kein Zufall, sondern schon von Kindesbeinen an eine Vision? Ja, genau. Schauspiel konnte ich leider nicht mehr studieren, weil dies im Libanon und im Irak zu der Zeit nicht möglich war. Und als ich in die Schweiz kam, war ich dann mit 26 Jahren dafür leider schon zu alt. Dennoch hat mich das Medium Film immer fasziniert und nicht losgelassen. Deshalb studierte ich zuerst Kunst und Videokunst in Zürich, danach am renommierten High-Cinema Institut in Kairo und habe schliesslich mit dem Bachelor in Film- Regie abgeschlossen. Sie suchen sich Themen aus, die heikel sind. Sie geben Randgruppen eine Stimme und Plattform. Sehen Sie sich als politische Frau? Eigentlich wollte ich nach meinem Studium eher Spielfilme drehen. Nachdem sich die Lage im Irak aber massiv verschlechtert hatte, erkannte ich, dass die Menschen und die Menschenrechte dort eine Stimme brauchen. Abseits der grossen Weltpolitik geschehen die eigentlich entscheidenden Dinge. Die grossen Medien beschäftigen sich stets mit der «grossen Politik» und ergreifen für den einen oder anderen Protagonisten Partei oder sehen sich als neutrale Beobachter. Menschen, welche unter den Kriegen, der Not und dem Elend leiden, werden nur dann ins Feld geführt, um uns hier die angebliche Notwendigkeit eines Krieges zu beweisen und den einen oder anderen brutalen Machthaber zu stoppen. Obwohl auch Kriege mit «Demokratie und Menschenrechte» begründet werden, geht es in meinen Augen immer nur um wirtschaftliche Interessen. Hier hat das Medium Film die Möglichkeit, andere Perspektiven zu eröffnen. Man kann Einblick hinter die Fassaden eines Krieges oder eines Konfliktes gewähren. Der einfache Mensch kann so im Vordergrund stehen, seine Geschichte und sein Schicksal erzählen. Gleich verhält es sich auch mit den Randgruppen unserer Gesellschaft. Ich möchte, dass man hinsieht und hinterfragt. Mir liegt am Herzen, schwache Menschen, die unbemerkt bleiben, sichtbar zu machen. In diesem Sinne bin ich sehr wohl eine politische Frau. In Ihrem Kurzfilm «Noun» von 2015 zeigen Sie das Schicksal von Christen, die im Irak von der Terrormiliz Islamischer Staat verfolgt werden. Da haben Sie sich selber in Gefahr begeben. Das ist in der Tat so. Ich bin ja Schiitin und wie es mein Name «Al Hassani» sagt, stamme ich vom Imam Hassan ab. Dadurch bin schon vom Namen her eindeutig als Schiitin zu erkennen. Das alleine ist für den IS, der sich zum fanatisch Wahabitischen Sunnimus bekennt, ein rotes Tuch. Und hätten sie mich in die Hände bekommen, wäre dies mein absolutes Todesurteil gewesen. Auch wenn sie mich mit meinem Schweizer Pass und mit meinem Namen Schläpfer gefangen genommen hätten, dann wäre ich als Sklavin missbraucht oder gar verkauft worden. An was erinnern Sie sich? 2014, als wir in Erbil noch am Drehen des Films waren, sind wir dem IS nur ganz knapp entkommen. Die Kämpfe zwischen den kurdischen Peshmerga und dem IS waren in vollem Gange. Der IS hätte jederzeit überhand gewinnen können, und dann wären wir alle in grosse Gefahr geraten. Auch in Bagdad war es knapp. Der IS war in der Nähe des Flughafens und hat Flugzeuge bombardiert. Wir mussten Stunden im Flugzeug verharren und spürten die Hektik und Angst des Flugpersonals. Die Flugbegleiter haben richtig gezittert. Fragen wurden wirsch abgewiesen und im Befehlston wurden wir angewiesen, uns einfach nur still zu verhalten. Welche Kraft bewegt Sie, solch einen starken und gefährlichen Dokumentarfilm zu realisieren? Mein eigenes Schicksal. Ich weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, flüchten zu müssen und in Gefahr zu sein. Ich habe selbst Kriege erlebt. Ich weiss, was sie bedeuten! Es macht mich traurig und beschäftigt mich sehr, dass sich Kriege immer wiederholen. Es scheint, dass das Leid kein Ende nimmt. Deshalb mache ich Filme, deshalb mache ich solche Filme und keine Komödien. Obwohl ich eines Tages auch einen Film mit eher lustigen Anekdoten von Menschen, die flüchten müssen, machen möchte. Die kann es eben auch geben. Sie pendeln zwischen der arabischen Welt und der Schweiz. Fühlen Sie sich sicher in der Schweiz? Oder ist dieses Sicherheits-Gefühl der Schweiz ein blosses Klischee? Im Grossen und Ganzen fühle ich mich in der Schweiz relativ sicher. Aber kann man sich wirklich immer sicher sein? Wenn man unbequeme Themen anspricht, weiss man nie, wem man auf die Füsse tritt und wen man verärgert. In schwierigen Zeiten, wo die arabische Welt von Europäern oft unkritisch und ängstlich betrachtet wird, können Sie in Gesprächen zwischen den Kulturen vermitteln? Das Vermitteln sehe ich sogar als meine Pflicht an. Ich habe erst kürzlich in Salzburg an einer Veranstaltung vom ICO zum Thema «die Frauen im Islam» teilgenommen. Das Problem ist, dass vieles, was hier im Westen über den Islam gesagt und geschrieben wird, schlicht nicht stimmt und falsch vermittelt wird. Auch von 46 47 LIFESTYLE bona

Ein Film von Aida Schläpfer Al Hassani. Moslems selbst. Man muss sich stets bewusst sein, dass 1,6 Milliarden Moslem, genau wie die 2,3 Milliarden Christen, die rund 940 Millionen Hindus, 460 Millionen Buddhisten und auch die 15 Millionen Juden (Zahlen von Wikipedia) in Frieden leben wollen. Das, was einige Extremisten sagen und tun, ist niemals das, was die Mehrheit der Menschen will. Das gilt für alle Religionen. Deshalb müssen wir immer den Dialog suchen. Nur wenn wir aufeinander zugehen, können wir lernen, einander zu verstehen und zu respektieren. Also sehen Sie sich als Filmschaffende auch als Vermittlerin? Ja, durchaus! Das Medium Film ist an sich schon ein vermittelndes Medium. Aber wie jedes Medium kann es sowohl im positiven wie auch im negativen Sinn gebraucht und leider auch missbraucht werden. Wenn ich bedenke, was ich nur schon mit dem 24-minütigen Kurzfilm «Noun» erreichen konnte, ist das in der Tat eine Vermittlerrolle. Wissen Sie, dass «Noun» bei praktisch allen wichtigen arabischen Filmfestivals gezeigt und dort viele Preise gewonnen hat? «Noun» hat in der arabischen Welt mehr Beachtung als im Westen bekommen. Welches ist Ihr nächstes Filmprojekt? Auch mein nächstes Projekt wird sich den Menschenrechten und der Gerechtigkeit widmen. Ich kann und will gegenwärtig noch nicht viel darüber verraten, um das Projekt nicht zu gefährden. Es ist schon sehr weit fortgeschritten und steht kurz vor dem Abschluss. Eine grosse Schwierigkeit besteht derzeit darin, die Finanzierung sicherzustellen. Ein zeitnahes Projekt, das vom 15. bis 18. November 2018 stattfindet, ist das Arab Film Festival Zurich. Was bedeutet dieses Festival für Sie als Vereinspräsidentin? Mit diesem Filmfestival möchten wir die Kulturen näher zusammenbringen. Nur wenn man sich gegenseitig versteht, kann man sich respektieren. Angst braucht man nur vor dem Unbekannten zu haben. Wenn man einander kennt, ist man eher bereit, sich aufeinander einzulassen. Gab es Momente, in denen Schweizerinnen und Schweizer vielleicht vor Ihnen Angst hatten? Ein einschneidendes Ereignis war der 11. September 2001. Ich war damals mit einer engen Freundin an der Biennale in Venedig. Als die Anschläge vom 11. September passierten, waren wir gerade im Zug auf dem Rückweg in die Schweiz. Plötzlich bemerkte ich, dass sich die Leute im Zug aufgeregt hin her bewegten. Sie verwarfen die Hände und ich hörte immer wieder das Wort «Barbaren»! Meine Freundin spricht italienisch und verstand den Inhalt der Gespräche. Sie sagte zu mir, ich solle kein Wort mehr Arabisch sprechen. Ich verstand natürlich nicht weshalb, bis ich von den Anschlägen hörte. Haben Sie damals konkrete Ablehnung gespürt? Von diesem Augenblick an war ich nicht mehr nur «Aida Schläpfer, die Regisseurin», von diesem Augenblick an war ich die «Täterin, die mit den Flugzeugen einen schrecklichen Anschlag verübt hatte»! Ich wurde für die Tat direkt verantwortlich gemacht. Ein Arbeitskollege von mir in unser Technik-Abteilung und auch viele aus anderen Abteilungen, damals bei TV3, haben kein Wort mehr mit mir geredet. Erfreulich war und ist jedoch, dass der grösste Teil meiner damaligen Kollegen immer noch mit mir befreundet sind. Sie machten mich natürlich nicht dafür verantwortlich. Das Internationale Arab Film Festival Zurich findet vom 15. bis 18. November 2018 statt. www iaffz.com filmpodium.ch